Alpiner Tourismus
nach Corona

von WOLFGANG

Jetzt ist es also amtlich. Mit Ende Mai dürfen wir öffnen, auch wenn wir –
noch – nicht wissen woher und wie viele Gäste ihren Sommerurlaub in den
Alpen verbringen werden! Wir werden einiges an Regeln haben – Abstand,
Masken etc…

Herausforderung Nr. 1: Management Corona inklusive – denn viele Unsicherheitsfaktoren prägen den Re-Start am Berg. Das Management aber auch die Mitarbeiter – werden ein gehöriges Maß an Flexibilität benötigen, um den Sommer einigermaßen erfolgreich zu absolvieren. Corona
hat nicht nur den Irrglauben an permanent lineares Wachstum als Chimäre
entlarvt, sondern hat weite Teile der Bevölkerungen tief verunsichert. Was
im Umkehrschluss heißen kann, dass das Thema Sicherheit – und zwar
objektiv wie insbesondere gefühlt – am Berg eine wichtige Rolle spielen
wird. Neue Erlebnisse ja, aber sicher und geschützt müssen sie sein.
Könnte also auch zu einer verstärkten Renaissance der Stammgäste und
Wiederholer führen – Vertrautes verbindet! Nächste Chance insbesondere
für Bergbahnen: Schonungslose Analyse betrieblicher Schwachstellen –
etwa beim Zutrittsmanagement, Entwickeln neuer Lösungen, Trainieren und
Perfektionieren bei Leichtbetrieb im Sommer und Umsetzen bei hoffentlich
Vollbetrieb im Winter.

Herausforderung Nr. 2 ist für mich noch bedeutsamer.
Was hat sich in den Köpfen und Märkten verändert, was heißt das für uns,
unsere Produkte und Dienstleistungen? Wie sieht also Zukunft am Berg nach Corona und vor bzw. in einer dramatischen Ökowende aus? Die Forderungen nach einem „sanften“ Tourismus klingen recht zeitgemäß, aber was heißt das in der touristischen Praxis? Tirols LH Stv. Ingrid Felipe aktuell: „Ich glaube schon länger, dass der Tiroler Tourismus sich viel stärker in Richtung eines klimafreundlichen, naturnahen, weniger auf Hüttengaudi und Après Ski und Pistenkilometer ausgelegten Tourismus entwickeln sollte“. Back to Buckelpiste? Oder doch lustvolles Skifahren auf perfekten Pisten? Fällt der mittägliche Einkehrschwung auf der Hütte mit dem Bauernspeck unter verdächtige Hüttengaudi und das gepflegte Abendessen unter eigentlich unerwünschtes Apres Ski? Ok, polemisch. Hieße naturnah im Sommer flächendeckend – von mir sehr geschätzte – Bergsteigerdörfer? Wohl genauso wenig wie im Winter der alpine Tourismus sich von Tourengehern ernähren könnte!

Im letztlich lustfeindlichen wie medial lustvollen Ischgl Bashing der letzten Wochen vollkommen untergegangen ist eine spannende Meldung: „Ischgl größtes klimaneutrales Skigebiet der Alpen.“ Das wird, muss rasch Branchenstandard sein. Dann stelle ich mir lustvoll vor wie es uns gelingt den Anreisehorror – auch per Öffis – zu entflechten – ist allerdings durch die Corona bedingten Abreiseerlebnisse nicht einfacher geworden!

Dann stelle ich mir lustvoll vor, dass mehr Kunst am Berg Platz und Gäste
findet. Im Ötztaler Bergsteigerdorf Vent inszenieren seit Jahren die Macher
des Söldener Hannibal Spektakels ein mehrstündiges Wandertheater „Herzog Friedl…“. Beides hat seinen Platz am Berg! Bestehende Gebiete optimieren, Entwicklungen selbstkritisch und zukunftsorientiert hinterfragen, weil wir viel unberührte Natur zum Erleben und Überleben brauchen. Was michabsolut positiv stimmt: In den alpinen Tälern existiert seit Jahrhunderten eine ausgeprägte Fähigkeit – die des Überlebens unter schwierigsten Bedingungen – heute Resilienz genannt. Wer Kaunertal, Paznaun oder die Kärntner Nockberge vor der touristischen Erschließung gekannt hat – oder sich mit deren Historie beschäftigt – stellt rasch fest, dass diese überlebenssichernden Entwicklungen mit Mut und Leidenschaft, Hirnschmalz und Tatkraft umgesetzt wurden.

Man made resorts! Und genau diese alpine Resilienz, das zukunftsorientierte, geistige und praktische „Ärmel hoch krempeln“ ist jene Fähigkeit die sicherstellt, dass unsere alpinen Regionen rund ums Jahr weiterhin der Sehnsuchtsort für unsere Gäste sein werden – auch wenn die Besucher vermutlich etwas weniger international sein werden – und die emotionalen Erfahrungen wieder stärker in den Mittelpunkt des Urlaubs rücken werden!

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